Verfasst von: rockfun | 30. September 2007

Worte, die man so hinnimmt …

Der Terror der RAF hätte, wenn es ihn denn noch heute gäbe, 30sten Geburtstag. Dieser Information kann man diesen Herbst nicht aus dem Weg gehen.
Jeder noch so uninteressierte Schüler weiß spätestens jetzt, dass der „deutsche Herbst“ kein Gedicht von Heine ist, sondern ein feststehender Begriff für den RAF-Terror im Herbst des Jahres 1977.
Pünktlich zum Jahrestag im Herbst 2007 hat sich „DER SPIEGEL“ erneut mit dem Thema befasst. Weil das beim Publikum auf Interesse stößt, RAFt nun auch die übrige Presse kräftig mit. Dabei begegnet dem aufmerksamen Leser (oder Zuhörer) immer wieder der Begriff „Kassiber“.
Wer weiß, was ein Kassiber ist, der hebe bitte jetzt die Maus ….

Bei ehrlicher Betrachtung stellt man fest, dass man über Kassiber eigentlich nur weiß, dass sie von RAF-Terroristen verfasst wurden und, dass sie etwas mit Kommunikation zu tun haben. Denn so steht es eben in der Zeitung. Ist ein Kassiber also eine Art Buch, ein Zettel, ein Heftchen, eine Steintafel…. . Wäre es nicht besser, man wüsste, was ein Kassiber ist? Immerhin geht es um Terror – wenn auch um alten Terror.

Ein Kassiber ist laut Wikipedia eine verbotene und deswegen geheim gehaltene schriftliche Mitteilung eines Gefangenen an andere Gefangene oder aus dem Gefängnis heraus an die Außenwelt.
Das Wort „Kassiber“ entstammt dem „Judendeutsch“ oder besser dem „Jiddischen“.
Jiddisch entstand im Mittelalter, als die Juden von kirchlichen und weltlichen Instanzen immer erbarmungsloser diskriminiert, ausgegrenzt und in Ghettos zusammengepfercht wurden. Zuvor hatten Juden die allgemein üblichen deutschen Mundarten gesprochen. Jetzt wurde das Jiddische als Produkt von Verfolgung und Exilierung bald zur privaten Sprache der Juden und diente zur Festigung ihrer Gemeinschaft. Später gingen viele Begriffe aus dem Jiddischen in die Gaunersprache über. So z.B. auch „Kaff“ und „Pleite“.

Es ist schwer zu erklären, warum die heute auf Zielgruppen fixierten Medien allerlei Fremdworte mal geschickt mal ungeschickt umgangssprachlich übersetzen, damit der Normalobürger auch versteht, was er liest, während andererseits ein weitgehend unbekannter Begriffe aus dem Jiddischen wie selbstverständlich weitergegeben wird. Was spräche gegen ein Ersetzten des „Kassibers“ durch „geheime Botschaft“? Jeder würde verstehen, dass ein Austausch von geheimen Botschaften zwischen Gefangenen nicht wünschenswert ist.
Der Verdacht liegt nahe, dass die Verwendung derartiger Begriffe bewusst darauf zielt, bestimmten Kreisen zu verdeutlichen, dass sie von der komplexen Materie nicht genug verstehen. Dumm nur, dass diese Kreise zumeist aus jungen Menschen bestehen, die nicht in den Zeiten des „Kassiber-Booms“ sozialisiert wurden. Also in jener Zeit, als bekannt wurde, dass die Gefangenen in Stammheim untereinander und mit der Außenwelt in Kontakt standen.

Es sollte der Generation jener, die damals als Studenten und Schüler mit der Thematik vertraut wurden und die heute in den Chefetagen der Redaktionen sitzen ein Anliegen sein, jungen Menschen von heute die Situation von damals zu vermitteln. Man könnte heute den Eindruck erlangen, dass es der Generation zuvorderst um sich selbst geht. Denn vermutlich haben vorhin zumeist User jenseits der 30 die Maus gehoben und sich gefreut, dass sie einen so exquisiten Begriff ohne Probleme verstanden haben.



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