Verfasst von: rockfun | 3. Oktober 2007

Raucher – Opfer einer neuen Normalität

Raucher und NichtraucherPöff Pöff steigen die kleinen grauen Rauchwölkchen langsam und geschmeidig in die Höhe. Ich sitze einfach nur da und schaue ihnen entspannt hinterher. Noch vor wenigen Tagen hat mich dieser Anblick gereizt und meinen Puls in die Höhe getrieben. Aber heute ist alles anders!
Die Wölkchen und ich sind nämlich durch eine dicke Glasscheibe getrennt und während die Wölkchen vom Wind zerzaust und hinweg gefegt werden, sitze ich entspannt bei einem Cappuccino im warmen Café. UND ICH BIN NICHT ALLEIN!

Der 1.Oktober 2007 hat mein Leben verändert. Vorbei die Zeit, wo einem der Nebenmann/frau ständig die dampfende Kippe unter die Nase gehalten hat („Entschuldigung, aber wo soll ich denn sonst hinhalten?“), keine fingerkalten Teens mehr, die mit strengem Blick, abgespreizter Zigarette (Zeige- und Mittelfinger müssen stets gestreckt sein) und nervösem Haarezupfen hinter einer Dunstwolke die eigene Unsicherheit verstecken. Keine gescheiterten Herren mehr am Tresen, die bei einem bitteren Pils und einer Packung Zigaretten stumm dem eigenen Leben hinterher trauern.
Das hessische Rauchverbot hat wieder Normalität geschaffen. Feuer und Rauch bitte nur unter freiem Himmel.

Für Raucher ist dieser Zustand verständlicherweise unangenehm. Sie müssen sich vor der Tür wie Ausgestoßene vorkommen. Sie sind tief gefallen! Die meisten hatten schließlich mit dem Rauchen angefangen, um dazuzugehören. Zu einer bestimmten Clique, einem bestimmten Lebensgefühl, einer kommunikativen Klasse. Rauchergrüppchen sind stets von einer großen Solidarität geprägt. Raucher besprechen miteinander ihre Probleme, Raucher gehen aufeinander zu, Raucher helfen einander („Kann ich mal eine schnorren? – Klar, DU immer“).
Zunehmend haben sich die Raucherzirkel sogar gegenüber den Nichtrauchern geöffnet. Zwar werden die „Möhrchenknabberer“ und „Apfelschroter“ gelegentlich belächelt, aber man teilt mit ihnen gern jede der 20 Fünfminutenpausen am Tag. Nur Rücksicht üben, dass können Raucher nicht. Der Drang zur Kippe ist stärker als die Einsicht, dass auch beim Qualm das Verursacherprinzip gilt. Die Argumentation, dass es doch jedem frei stünde, sich in der Nähe von qualmenden Rauchern aufzuhalten ist abstrus. Sie basiert darauf, dass eine Mehrheit bereit ist, das eigene Wohl zugunsten anderer hintan zu stellen.
Die Mehrheitsmeinung hat sich in den letzten Jahren jedoch verändert und mit ihr die Politik.
Das Image der Raucher hat sich gewandelt. Vor wenigen Jahren noch als cool, lässig, überlegen und stets „busy“ angesehen, gelten Raucher in den Augen der Mehrheit heute zunehmend als soziale Verlierer, die nicht einmal Herr über den eigenen Körper sind.
Nichtraucher haben Oberwasser – die Überlegenen von einst, die mit einem falsch verstandenen Tolleranzbegriff vielen Nichtrauchern den Lungenkrebs ermöglicht haben, müssen nun zum Rauchen vor die Tür.

Spott ist dennoch nicht angebracht. Rauchen ist eine Sucht und Süchtige brauchen eher Hilfe, denn Strafe. Aber das wissen viele Nichtraucher bereits.
Während ich meinen Cappuccino trinke und dem blonden Mädchen beim Rauchen zusehe, gesellt sich plötzlich deren nicht rauchende Freundin zu ihr und leistet ihr Gesellschaft, bevor sie gemeinsam auf einen Kaffee zwei Tische weiter Platz nehmen.
Auch Nichtraucher haben offenbar eine soziale und kommunikative Ader.


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