
Die Sache mit dem Wir-Gefühl
Ein Kommentar von Christian Müller
Wenn elf Mann auf einem 7140m² großen Spielfeld einem mit 5,780 Litern gefüllten Pressluftball hinterher rennen, dann steht Deutschland auf, jubelt, singt und lacht – Emotionen pur. Man bekommt regelrecht eine Gänsehaut, wenn tausend Leute auf öffentlichen Plätzen, Sportheimen oder anderen geselligen Treffs sich versammeln, Fahnen schwingen und grölend versuchen beim 2/4 Takt des Deutschlandlieds mitzukommen.
Zu Beginn einer Vorrunde holt man Trikot, Fahne, Wimpel aus der Mottenkiste und beflaggt den Garten vor der Haustüre: Kleinbürgerliches Wetteifern des höheren Fahnenmastes gemäß dem Motto: Wer hat den Längsten? Abends versammelt man sich dann mit Freunden, einem Kasten Bier vor dem Fernseher oder geht zu öffentlichen Lokalitäten, wie dem Public-Viewing. Das Fieber steigt, genauso wie die Stimmungskurve, bei jedem neuen Angriff in den Strafraum der gegnerischen Mannschaft. Gewinnt die geliebte Mannschaft, spielt sie sich immer weiter vorwärts im Turnier, finden sich auch immer mehr Fußballgucker, Fähnchenwedler, Deutschland-Fans. Alle wollen plötzlich Deutsche sein, selbst, die, die nicht mal welche sind. Das neue Wir-Gefühl.
Hurra, endlich! Alle lächeln, man grüßt sich und fühlt sich auf einmal heimisch in seinem Land. Hupend, grölend und die ganze Welt umarmend wird jeder Sieg der Elf gefeiert. So „schlandet“ man betrunken vor Glückseligkeit über den Erfolg einer Mannschaft von Norden nach Süden der Republik. Schon irgendwie grotesk, dass plötzlich der schwarz-weiße Alltag bunt wird. Ignoranz schnellt um in Anteilnahme, Egoismus in Teamfähigkeit, Trägheit in energisches Herdenverhalten.
Jeder, ob jung ob alt, möchte Teilhaben an dieser Mannschaft. Die guten Eigenschaften eines Teams übertragen sich für kurze Zeit auf die Gesellschaft und diese formt die Energie des Teams um in Volksfeststimmung, wie man sie selten sieht.
Dabei verlassen doch Viele Tausende Deutschland jedes Jahr, weil sie es hier nicht mehr aushalten – man backt nämlich lieber sein eigenes Brot und schert sich nicht um das „Wir“. Das Glück scheint für viele nicht hier in Deutschland zu liegen, sie wollen es lieber in der Ferne suchen. Deutscher zu sein ist eben nur dann cool, wenn man ein Trikot des Fußballbundes trägt.
Und wenn der Schiri das letzte Spiel der Deutschen bei dieser EM abpfeift – möge es doch das Final-Spiel sein! – dann beginnt am nächsten Tag wieder das Leben als ganz normaler Deutscher. Dann muss das Leben weiter gehen, auch ohne Fußball. Dann heißt es wieder Ich: Max Mustermann (Deutscher), dick, verheiratet, 36 Jahre, 1,4 Kinder – Halt falsch! Dank Fußball jetzt: 1,5!
Ich wünschte es könnte immer EM sein.
Euer Christian